Die Bedeutung von Bindung für die Entwicklung des Kindes
Was heißt „Bindung“?
Die Bindungsforschung (entwickelt u. a. von John Bowlby und Mary Ainsworth) versteht unter Bindung das gefühlsmäßige Band, das ein Kind mit einer oder mehreren vertrauten Bezugspersonen knüpft. Es zeigt sich im Nähe-Suchen, im Sich-trösten-Lassen und darin, dass das Kind bei Belastung Rückhalt sucht. Bindung ist Beziehung in Aktion – sie entsteht im fortlaufenden Miteinander von Kind und Bezugsperson, nicht durch einzelne Erziehungstricks. Für die Grundlegung ist das erste Lebensjahr von besonderer Bedeutung.
Die „sichere Basis“: Warum Nähe Freiheit schenkt
Bowlbys und Ainsworths zentrale Idee lautet: Verlässliche Bezugspersonen werden zur sicheren Basis, von der aus Kinder die Welt erkunden und zu der sie bei Stress zurückkehren. Gute Bindung und neugierige Exploration sind zwei Seiten einer Medaille. Wenn das Bindungssystem beruhigt ist, wird Forschergeist möglich; bei Angst wird Nähe gesucht – und danach geht es wieder hinaus in die Welt.
Wie entsteht eine sichere Bindung?
Der beste Prädiktor für sichere Bindung ist die Feinfühligkeit – und, auf Seiten der Erwachsenen, ein hinreichend sicheres Selbst- und Bindungsbild. Feinfühligkeit heißt: die Signale des Kindes prompt, passend und liebevoll wahrzunehmen und zu beantworten. Dazu gehört: Signale wahrnehmen (Blick, Mimik, Lautäußerungen), richtig deuten (Hunger, Müdigkeit, Nähewunsch versus Entdeckerlust) und angemessen sowie zeitnah reagieren (trösten, strukturieren, ermutigen). So lernen Kinder: Wenn ich Angst habe und rufe, ist jemand für mich da – und ich kann wieder los.
Die „Fremde Situation“ (Strange Situation): Was wird getestet?
Die von Mary Ainsworth entwickelte „Fremde Situation“ ist ein standardisiertes Beobachtungsverfahren für Kinder im Alter von etwa 12–18 Monaten. In einer kurzen Sequenz von acht Abschnitten werden Trennung und Wiedervereinigung mit der Bezugsperson inszeniert, um zu beobachten, wie das Kind Nähe und Exploration balanciert. Besonders aussagekräftig sind die Reaktionen bei den Wiedervereinigungen. Aufgrund der Verhaltensweisen, die Kinder in dieser Experimentsituation zeigenentickelte Ainsworth unterschiedlich Bindungsmuster.
Das sichere Bindungsmuster
Sichere Kinder nutzen die Bezugsperson als sichere Basis: Sie erkunden interessiert, zeigen bei Trennung oft deutliche, aber maßvolle Belastung, suchen bei der Wiedervereinigung aktiv Nähe, lassen sich rasch trösten und kehren dann zum Spiel zurück. Die Botschaft lautet: „Ich kann mich auf dich verlassen – dann kann ich die Welt erkunden.“
Das unsicher-vermeidende Bindungsverhalten
Diese Kinder zeigen äußerlich wenig Kummer bei Trennung und vermeiden Blickkontakt oder körperliche Nähe bei der Rückkehr der Bezugsperson. Sie wirken selbstgenügsam und wenden sich schnell den Spielsachen zu. Das ist eine erlernte Strategie, um Zurückweisung oder intrusive Reaktionen zu vermeiden: Der Ausdruck von Nähebedürfnis wird herunterreguliert, um die Beziehung zu schützen.
Das unsicher-ambivalente Bindungsverhalten
Ambivalente Kinder sind schon vor der Trennung weniger explorationsfreudig, reagieren auf Trennung stark belastet und suchen bei der Rückkehr der Bezugsperson zwar intensive Nähe, zeigen aber gleichzeitig Widerstand (z. B. Wegdrücken, Ärger). Sie lassen sich schwer beruhigen und finden schlecht zurück ins Spiel. Die Strategie spiegelt inkonsistente Antworten der Erwachsenen: Nähe wird gesucht, aber nicht als verlässlich erlebt.
Das desorganisierte Bindungsverhalten
Bei desorganisierten Mustern zeigen Kinder widersprüchliche, unterbrochene oder „einfrierende“ Verhaltensweisen (z. B. erst auf die Bezugsperson zulaufen, dann erstarren; bizarres Verhalten). Dieses Muster tritt gehäuft unter stark belastenden Bedingungen auf und gilt als Risikomarker – es zeigt, dass keine kohärente Strategie zur Stressregulation verfügbar ist.
Innere Arbeitsmodelle: Bindung „unter der Haut“
Aus tausenden Interaktionen bilden Kinder innere Arbeitsmodelle: Erwartungen darüber, wie andere reagieren („Sind sie für mich da?“) und wer man selbst in Beziehungen ist („Bin ich liebenswert und wirksam?“). Diese Modelle werden mit der Zeit stabiler, bleiben aber veränderbar – besonders durch neue, bedeutsame Beziehungserfahrungen in Familie, Kita/Schule oder Therapie.
Väter zählen – anders, aber wesentlich
Längsschnittstudien (u. a. die Grossmann-Gruppe) zeigen: Väter tragen bedeutsam zu sicherer Bindungsentwicklung und zu einer explorativen Zuversicht bei – häufig über sensibles, herausfordernd-ermutigendes Spiel. Das ergänzt mütterliche Feinfühligkeit und erweitert die Bandbreite positiver Beziehungserfahrungen.
Wenn Bindung schwerfällt: Klinische Perspektive
Frühe Verluste, Zurückweisung, Vernachlässigung oder ängstigendes Verhalten von Erwachsenen können die Bindungsorganisation stören. In der Psychotherapie gilt: Ohne sichere Basis – ohne tragfähige therapeutische Beziehung – ist die Bearbeitung belasteter Affekte kaum möglich. Eine verlässliche therapeutische Bindung bietet Schutz, co‑reguliert Affekte und ermöglicht korrigierende Beziehungserfahrungen.
Fazit
Bindung ist psychische Grundversorgung. Sie macht Kinder mutig, beziehungsfähig und lernbereit. Eine verlässliche, feinfühlige Beziehung schafft die sichere Basis, von der aus sich Kinder entfalten – und zu der sie immer wieder zurückkehren dürfen.
Literatur (Auswahl)
– Bowlby, J. (dt.): Bindung als sichere Basis.
– Grossmann, K. E., & Grossmann, K. (Hg.): Bindung und menschliche Entwicklung. John Bowlby, Mary Ainsworth und die Grundlagen der Bindungstheorie.
– Brisch, K. H.: Bindungsstörungen. Von der Bindungstheorie zur Beratung und Therapie.


