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Morgengebet: Dem Tag Fundament und Richtung geben

Seit vielen Jahren halte ich mehr oder weniger täglich ein Morgengebet. Ich bete es aus dem Stundenbuch der katholischen Kirche. Eine besondere Freude ist es, wenn meine Frau und ich gemeinsam Zeit haben, es zu sprechen. Im Fachjargon heißt dieses Gebet Laudes, was so viel bedeutet wie „Lobgebet“. Kennengelernt habe ich das Stundengebet als junger Erwachsener, als ich noch Mitglied der Ordensgemeinschaft der Augustiner-Chorherren war.

Das Geschenk

Das Morgengebet beginnt immer mit Dank und Lob an Gott. Dieser Dank erinnert mich daran, dass der neue Tag ein Geschenk ist. Ich habe ihn mir nicht selbst gegeben, sondern empfange ihn wie eine Gabe. Auch die Lebensenergie, die ich spüre und die mich durchfließt, empfinde ich als Geschenk.

Dank und Lob am Morgen rufen mir in Erinnerung, dass mein Leben insgesamt ein Geschenk ist. Auch das Leben selbst habe ich mir nicht gegeben. Ich habe mich vor meiner Geburt nicht entschieden, geboren zu werden. Ich verdanke es meinen Eltern und vielen anderen Menschen, die mir gut waren, dass ich diesen neuen Tag erleben darf. Unser Leben ist empfangenes und geschenktes Leben – vom Anderen her. So kann es zum verdankten Leben werden.

Der amerikanische Philosoph und Psychoanalytiker Jonathan Lear sagt in einem Interview mit der Wochenzeitung Die Zeit:

„Dankbarkeit lässt uns verstehen, was ein Mensch ist: Wir haben uns nicht aus uns selbst heraus geschaffen. Wir sind nicht Gott. Wir verdanken uns anderen, das ist die Wirklichkeit. Dankbarkeit ist die Fähigkeit, sich zu erinnern, dass andere uns ermöglicht haben und dass wir also frei sind, andere zu ermöglichen. Aus dieser Einsicht entsteht Großzügigkeit.“ (Die Zeit 2025/34, S. 41)

Die Stille des Morgens hat für mich etwas Heiliges, Unberührtes. Sie erinnert mich anden ersten Schöpfungstag: „Morning has broken like the first morning.“ Sie macht mir bewusst, dass die ganze Schöpfung von Gottes Geist durchdrungen ist – und damit auch wir Menschen.

So heißt es im Morgengebet in einem der Psalmen:

„Du bist ein großer Gott, ein großer König über allen Göttern.
In deiner Hand sind die Gipfel der Berge,
dein ist das Meer, das du gemacht hast,
und das trockene Land, das deine Hände gebildet.“ (Psalm 95)

Das Ja

Ein Geschenk können wir annehmen und uns daran freuen. Es kann uns aber auch gleichgültig lassen – wir legen es beiseite, als wäre es nichts Besonderes. Oder wir sind unzufrieden damit, weil wir etwas anderes erwartet haben. Ähnlich kann es uns mit dem neuen Tag gehen. Manchmal nehmen wir ihn mit Freude entgegen. Ein anderes Mal erscheint er uns selbstverständlich, kaum der Beachtung wert. Und dann gibt es Zeiten, in denen wir unzufrieden sind mit dem, was der Tag uns bringt – und wir ihn am liebsten zurückgeben würden. Lehnen wir aber den neuen Tag innerlich ab, geraten wir in Widerspruch mit uns selbst. Wir erfahren uns als zerrissen und unversöhnt.

Den neuen Tag als Geschenk anzunehmen, ist eine bewusste Entscheidung. Es macht einen Unterschied, ob ich innerlich „Ja“ sage oder mich dagegen sträube. 

Im Lied von Reinhard Mey Das war ein guter Tag heißt es in der letzten Strophe:

„Das ist ein guter Tag, der über den Dächern der Stadt aufgeht,
wie all die unerwähnten, in Erinnerung verschwomm’nen.
Denn auch über dem unscheinbarsten, alltäglichsten weht
der Hauch des Einzigen und das Versprechen des Vollkomm’nen.
Ich bin bereit zu lernen, seine Kostbarkeit zu seh’n,
mich auf ihn einzulassen und ihm jede Chance zu geben.
Ich bin bereit den langen Weg bis zum Ende zu geh’n
und bis zum letzten Ton den Ausklang zu erleben.“

Manchmal scheint uns die Kraft zu fehlen, ein klares „Ja“ zum neuen Tag zu sagen. Dann bete ich:

Guter Gott,
ich danke dir für diesen neuen Tag!
Mit deiner Hilfe nehme ich ihn an
und will etwas Gutes daraus machen.

Die Richtung

Wenn ich mir vergegenwärtige, dass mir das Leben – und damit auch der heutige Tag – durch andere ermöglicht wurde, dann ist es nur ein kleiner Schritt zu dem Gedanken, dass auch ich das Leben anderer Menschen ermöglichen oder erschweren kann.

Zur Laudes gehört immer auch eine kurze Bibelstelle aus dem Alten oder Neuen Testament. Das Wort Gottes im Menschenwort erinnert uns daran, dass Gott liebevolles Leben und Freiheit für uns will. Für mich ist es wesentlich, mich immer wieder vom Wort Gottes ausrichten zu lassen. Es macht mir bewusst, dass auch ich heute die Möglichkeit habe, meinen Mitmenschen das Leben zu erleichtern, zu bereichern – oder es ihnen schwer zu machen und zu vermiesen.

In der Bergpredigt sagt Jesus: „Ihr seid das Licht der Welt. […] Ihr seid das Salz der Erde“ (Mt 5,13–14). Damit erinnert er uns daran, dass wir Menschen die Fähigkeit haben, Licht für die Welt und Salz für die Erde zu sein. Diese Fähigkeit haben wir nicht aus uns selbst. Sie wurde uns ermöglicht, weil andere für uns ein gutes Umfeld geschaffen haben. Für Jesus von Nazareth liegt der zentrale Grund dafür in unserer Gotteskindschaft – in unserer Zugehörigkeit zu Gott. Und so bete ich am Morgen oft:

Gott, im Vertrauen darauf,
heute in deiner Liebe und Güte zu leben,
mache ich aus diesem Tag etwas Gutes –
zum besseren Wohl der Menschen und zu deiner größeren Ehre.

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