Warum dieses Thema auf eine Praxis-Website gehört:
Psychische Probleme entstehen nie im luftleeren Raum. Sie wachsen – mit – in Familien, Schulen, Betrieben, Vereinen, sozialen Milieus und Medien. Wer leidet, leidet fast immer auch an und in einem sozialen Feld, in dem Zugehörigkeit, Anerkennung und Rang eine Rolle spielen.
Worum geht’s in diesem Buch?
Der Philosoph Hanno Sauer beschreibt, wie soziale Klassen und Statushierarchien entstehen und warum sie so wirkmächtig sind. Seine Kernidee: „Klasse ist sozial konstruierte Knappheit“ – dadurch bildet sich ein Oben und Unten, das über Prestige, Macht und Ressourcen entscheidet. Diese Ordnung wird nicht nur durch Geld, sondern ebenso durch kulturelles, symbolisches, soziales, ästhetisches und moralisches „Kapital“ stabilisiert.
Zentrales Werkzeug der Analyse ist die Theorie sozialer Signale: Wir senden ständig – meist unbewusst – Zeichen der Zugehörigkeit und des Rangs. Wichtig sind dabei „teure Signale“, also schwer fälschbare Zeichen, die gerade deshalb glaubwürdig Status anzeigen. So erklärt Sauer Geschmack, Moralhaltungen, Konsum und sogar Sprache als Bausteine des Statusspiels.
Sein Fazit ist nüchtern: Statuswettbewerbe verschwinden nicht, sie verändern nur ihre Form. Politik kann Ungleichheit lindern – abschaffen lässt sie sich kaum. Umso wichtiger wird die Frage: Wie leben wir persönlich und gemeinschaftlich mit diesen Dynamiken so, dass sie uns nicht zerreiben?
Die wichtigsten Thesen
- Alles (oder fast alles) ist Klasse.
„Klassenunterschiede formen unsere Kultur, unsere Werte, unser Zusammenleben, unsere Sprache, unsere Politik, unser Leben. Klasse ist alles, alles ist Klasse.“ (S. 10).
- Mehr als Geld: Klasse stützt sich auch auf kulturelles, symbolisches, soziales, ästhetisches und moralisches Kapital.
„Klasse ist sozial konstruierte Knappheit. […] Die Position […] wird durch den Besitz von verschiedenen Formen ökonomischen, kulturellen, symbolischen, sozialen, ästhetischen oder moralischen Kapitals bestimmt.“ (S. 10).
- Die Theorie der sozialen Signale.
„Ein soziales Signal ist jegliches Objekt, das (i) für die Kommunikation von Informationen entweder absichtlich dafür eingerichtet oder evolutionär daraufhin angepasst ist, (ii) von einem Empfänger aufgefangen zu werden, um (iii) dessen Verhalten zu modifizieren.“ (S. 48).
- Teure/fälschungssichere Signale stabilisieren Statusordnungen.
„Dass ein soziales Signal fälschungssicher ist, […] bedeutet, dass potenzielle Empfänger der Verlässlichkeit […] besser vertrauen können, weil teure Signale hard to fake sind – auch wenn hard to fake nicht impossible to fake ist.“ (S. 48)
- Klassismus wirkt oft stärker als andere Vorurteile.
„Klassenungleichheiten und Klassismus sind wichtiger als Rassismus, Sexismus oder Ableismus. Denn Klasse ist die dominante, fundamentale Form sozialer Ungleichheit.“ (S. 17).
- Status ist ein Nullsummenspiel – die „Gesamtmenge“ an Status kann nicht wachsen.
- Statuswettbewerbe verschwinden nicht – sie reproduzieren sich und werden unterschätzt.
Warum das für die Psyche zählt
Wenn wir „oben“, „unten“ oder „außen vor“ erlebt werden, verändert das Selbstwert, Scham, Angst, Antrieb – oft seit Kindheitstagen. In Paaren, Teams und Gemeinden verstärken Alltags-Signale (Tonfall, Witze, Codes, Kleidung) das Gefühl der Zugehörigkeit – oder der Abwertung. Kurz: Seelische Symptome haben auch immer eine soziale Biografie.
Fragen zur Selbstreflexion
- Kindheit & Zugehörigkeit:
Wie habe ich mich als Kind verortet – dazugehörig, oben, unten oder außen vor/abgewertet? Welche Szenen fallen mir ein? (Schule, Kirche, Verein, Nachbarschaft) - Mein heutiges Status-Spiel:
Wo ringe ich um Anerkennung? Womit „sende“ ich Zugehörigkeit (Sprache, Kleidung, Bildung, Moralhaltungen, Online-Auftritt)? Was ist mir „teuer“ – und warum? - Trigger & Scham:
Welche Situationen bringen das alte „Unten“-Gefühl zurück? Wie reagiere ich (Rückzug, Perfektion, Angriff, Ironie)? - Ressourcen & Gegenfelder:
Wo erlebe ich mich wirklich gleichwertig – ohne Rangspiel? Wer sind meine „statusfreien“ Beziehungen?
Gibt es Wege aus dem Status-Wettbewerb?
Ganz entkommen werden wir dem nie – aber wir können ihn zähmen. Drei praktische Linien:
- Räume der Gleichwertigkeit suchen & pflegen
Familie, Freundeskreis, Verein, Pfarre, Nachbarschaftsinitiativen – Orte, in denen Verbundenheit wichtiger ist als Vergleich. Solche Mikro-Räume entlasten und stärken Resilienz. - Signale entdramatisieren und über sich selbst und andere lachen können
Anerkennen, dass auch ich im Statusspiel mitspiele und darüber lachen können und loslassen, wo es nur erschöpft. „Teure Signale“ (Perfektsein, moralische Überbietung, Statuskonsum) dürfen kleiner werden. Das schafft Luft für mehr Leben. - Verbundenheit als Haltung üben
Wer sich mit allen Menschen verbunden weiß, muss weniger abgrenzen. In echter Verbundenheit gibt es kein Oben/Unten – nur Würde.
Ein Wort zum Glauben
Für viele ist Glaube eine Ressource gegen Statusdruck: Vor Gott sind alle gleich; jeder Mensch trägt Gottes Ebenbild. Diese Sicht entlastet, weil hier Wert nicht mehr als Selbst-Verdienst gesehen wird, sondern als Würde, die von Gott her kommt.


