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Die universale Dimension von Liebe und Pflicht bei Dietrich Bonhoeffer, Simone Weil und Carl Gustav Jung

Dietrich Bonhoeffer unterscheidet in seinem Buch *Gemeinsames Leben* eine geistliche (pneumatische) Liebe von einer seelischen oder psychischen Liebe. Er schreibt: 
„Weil geistliche Liebe nicht begehrt, sondern dient, darum liebt sie den Feind wie den Bruder. Sie entspringt ja weder am Bruder, noch am Feind, sondern an Christus und seinem Wort.“ (Bonhoeffer; S. 48)

Das ist ein entscheidender Punkt: Die geistliche Liebe entzündet sich nicht am Menschen selbst, sondern am Göttlichen. Für Bonhoeffer ist es Jesus Christus, der diese Liebe in uns weckt. Die seelische Liebe dagegen ist für ihn ein Begehren – sie entzündet sich am Anderen, sucht Nähe, Gegenliebe und Bestätigung. Darin liegt ihre Begrenzung. 
Sie bleibt immer auf bestimmte Menschen beschränkt: Partner, Familie, Freunde, vielleicht auch Nation oder Verein. Die geistliche Liebe hingegen kommt von Gott – und genau deshalb hat sie eine universale Dimension. Sie gilt jedem Menschen, auch dem Fremden oder gar dem Feind. 

Hier wird auch das Gebot Jesu zur Nächsten- und Feindesliebe verständlich. Denn dieses Gebot kann niemals aus der seelischen Liebe heraus erfüllt werden – unser Begehren reicht dafür nicht aus. Es ist nur als Ausdruck der geistlichen Liebe möglich, die nicht aus uns selbst kommt, sondern aus Gott oder sich an Gott entflammt.

Bonhoeffer formuliert es so: „Seelische Liebe vermag die geistliche Liebe niemals zu begreifen; denn geistliche Liebe ist von oben, sie ist aller irdischen Liebe etwas ganz Fremdes, Neues, Unbegreifliches.“ (Bonhoeffer; S. 48) Geistliche Liebe führt in den Dienst am Nächsten, weil sie nicht aus dem eigenen Begehren kommt, sondern aus Gottes Liebe zu uns.

Einen ähnlichen Gedanken, aber in einer anderen Sprache, findet man bei Simone Weil. In ihrem Buch „Die Verwurzelung“ beschreibt sie die universale Dimension menschlicher Achtung nicht mit dem Begriff Liebe, sondern mit dem Begriff der Pflicht. 
Für sie steht die Pflicht sogar über dem Recht: „Ein Recht wirkt nicht durch sich selbst, sondern durch die Pflicht, der es entspricht; die effektive Erfüllung eines Rechts kommt nicht von dem, der es innehat, sondern von den anderen Menschen, die ihre Verpflichtung ihm gegenüber anerkennen.“ (Weil, S. 7)

Für Weil ist diese Pflicht zur Achtung des Anderen die erste und grundlegende Pflicht des Menschen. „Diese Pflicht ist ewig“ (Weil, S. 9). Sie entspringt dem Ewigen, dem Göttlichen. Sie gilt unbedingt, unabhängig von Konsens oder Gegenseitigkeit. 
„Die Tatsache, dass der Mensch ein ewiges Geschick hat, verlangt nur eine einzige Pflicht: nämlich Achtung.“ (Weil, S. 9)

Weil unterscheidet zwischen den notwendigen materiellen und den notwendigen seelischen Bedürfnissen des Menschen. Ihre Aufmerksamkeit richtet sich dabei besonders auf die seelischen Bedürfnisse: nach Anerkennung, Zugehörigkeit, Sinn. 
Und sie betont: Diese Pflicht besteht nur zwischen einzelnen Menschen. „Für Gemeinwesen als solche gibt es keine Pflichten. Aber es bestehen Pflichten für alle einzelnen Menschen, die ein Gemeinwesen bilden…“ (Weil, S. 8)

Das Konzept der Libido bei Carl Gustav Jung

Bonhoeffer sieht zwischen geistlicher Liebe und seelischem Begehren einen fast unüberbrückbaren Gegensatz. Die seelische Liebe ist für ihn von Natur aus dunkel, ein ungeordnetes Verlangen nach Besitz, das den anderen für sich haben will. „Psychisch = seelisch nennt die Schrift, was aus den natürlichen Trieben, Kräften und Anlagen der menschlichen Seele kommt. […] Der Grund seelischer Gemeinschaft ist das Begehren.“ (Bonhoeffer, *Gemeinsames Leben*, S. 43f) Das wirkt schroff – als ob das seelische Begehren nur zerstörerisch und unkontrolliert wäre.

Eine versöhnlichere Sichtweise eröffnet Carl Gustav Jung. Er greift zwar Freuds Idee auf, dass menschliches Begehren mit Sexualität zu tun hat, bleibt aber nicht bei dieser Reduktion stehen. In den *Wandlungen und Symbolen der Libido* (1912) schreibt er: 
„Die Libido ist ein Ausdruck für eine appetitive Kraft […] die nicht nur auf das Sexuelle beschränkt ist, sondern alle Manifestationen der psychischen Energie umfasst.“ (GW 5, § 194)

Sexualität ist also eine wichtige Erscheinungsform, aber nicht die ganze Wirklichkeit. 
„Sexualität ist nur eine Form der Libido, wenn auch eine sehr hervorragende und für die frühe Kindheit entscheidende.“ (GW 5, § 220) Damit versteht Jung die Libido als eine Art psychische Lebensenergie, die verschiedene Gestalten annehmen kann. Wenn sie nicht in Sexualität gebunden ist, sucht sie sich andere Ausdrucksformen: „Die Libido ist ein urtümlicher Energiestrom, der, wenn er nicht in Sexualität gebunden ist, andere Wege sucht, etwa in Religion, Kunst, Philosophie.“ (GW 8, § 133)

So verstanden, muss das seelische Begehren nicht zwangsläufig egoistisch oder zerstörerisch bleiben. Es kann sich auch auf das Ewige ausrichten und in religiöse oder künstlerische Symbolbildungen verwandeln. 


Hier öffnet sich eine Brücke zwischen Bonhoeffers „geistlicher Liebe“ und Jungs Konzept der seelischen Energie: Das Begehren kann in eine höhere Dimension transformiert werden, wenn es vom Göttlichen her neu ausgerichtet wird. Oder, um mit Luther zu sprechen: Die Gnade Gottes kann die „verkrümmte“ Seelenenergie auf das Ewige hin ausrichten.

Bonhoeffer spricht von einer Liebe, die nicht am Anderen, sondern an Gott entzündet wird. Weil beschreibt eine Pflicht, die jedem Menschen gilt, weil er aus dem Ewigen kommt. Und Jung zeigt, dass die menschliche Lebensenergie – das Begehren – nicht allein sexuell oder egoistisch verstanden werden muss, sondern in Religion, Kunst und Symbolik eine neue Gestalt annehmen kann. Alle drei führen so, jeder auf seine Weise, in die universale Dimension von Liebe und Achtung. 

Literatur:

Dietrich Bonhoeffer; Gemeinsames Leben, Brunnen Verlag, 2025

Simone Weil; Die Verwurzelung. Vorspiel zu einer Erklärung der Pflichten dem Menschen gegenüber; diaphanes, 52024

Carl Gustav Jung; Gesammelte Werke

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